20150406 Alltag im endlosen Blau…

Der neue Tag beginnt – wie überall auf der Welt – um Mitternacht. Ich liege bereits im Bett, Peter hat Wache noch bis drei Uhr. Zunächst überprüft er Kurs und Segelstellung und trägt dann die mitternächtliche Position mit den dazugehörenden Daten ins Logbuch ein.

Nächtlicher Arbeitsplatz

Peter setzt sich nachts gerne ins Heck des Schiffes, beobachtet den grandiosen Sternenhimmel, der Dir – lieber Dieter – sicherlich gefallen würde, begeistert sich am Meeresleuchten, vor allem an Delfinen, die, wenn sie die Rümpfe umspielen, beim Wiedereintauchen ins Wasser, regelrechte, phosphorisierende Streifen hinterlassen.

Sollte dennoch einmal Langeweile auftreten, kann er sie – durch einen Griff in die gut gefüllte PIA- Videothek –sofort beseitigen.

Meine Wache beginnt um 3.00h und endet um 7.00h, d.h.in der Morgendämmerung. Das Aufstehen fällt mir sehr, sehr schwer und ich muss an die frische Luft, um überhaupt wach zu werden. Bis zu den Capverden war das eine nur wenige Sekunden dauernde Angelegenheit, da der kalte Wind – beim Betreten des Cockpits -augenblicklich alle Lebensgeister wach rüttelte.

Seit Mindelo sieht das anders aus. Die Ski- Unterwäsche ist wieder verstaut und man kann sich nachts – wie in einer lauen Sommernacht in Mannheim – mit einem, um die Schulter gelegten Schal ins Cockpit setzen…und weiter dösen…

Ab 7.00h übernimmt Peter wieder und ich darf ins Bett. Wenn ich gegen 10.00h aus der Koje krieche, hat Peter bereits ein Ingwerwasser für uns vorbereitet, der atlantischen Funkrunde zugehört, neue Wetterdaten empfangen, Dieters Bericht gelesen und versucht, mit Frank ein Funkgespräch zu vereinbaren.

Ganz gespannt höre ich die Neuigkeiten. Dann gibt’s Frühstück.

Vorher aber: Morgendliche Säuberung des Decks von den Leichen der Kamikaze-Flieger

Um 12.00h UTC wird die Position der PIA abgelesen und Breiten- und Längengrad ins Logbuch eingetragen. Auf einer großen Seekarte markieren wir die Positionen der Obelix und der PIA.

Tagsüber haben wir viel Zeit zum Lesen, Dösen, Schreiben, Angeln, Brot- oder Kuchenbacken, das Spiel auf dem Akkordeon üben oder die Segelstellung zu optimieren.

Schreiben…

Ich liebe es, einfach aufs Meer zu schauen, das vertraute Rauschen des Kielwassers im Hintergrund und die (meist) sanften, schaukelnden Bewegungen der PIA auf den nimmermüden Wellen zu spüren.

Um 16.30h gibt’s den „Five o‘ Clock – Tea“ und zum Sonnenuntergang den Sundowner, der inzwischen zu einem schönen Ritual geworden ist. Nebeneinander sitzen wir auf der rasenden Gartenbank und prosten der untergehenden Sonne mit einem „Schweppes“ zu, wobei sich – zumindest in mein Glas – ab und zu ein Schluck Gin verirrt.

Jeder von uns wünscht sich dann, es möge so friedlich weitergehen.

Ist die Sonne dann untergegangen, wird es rasend schnell dunkel. Zeit für mich, das Abendessen vorzubereiten und für Peter, die Nachrichten des Tages abzuholen.

Es macht uns große Freude, Nachrichten von Euch und aus der Heimat zu erhalten und zu sehen, dass so viele an uns denken und unsere Reise mit verfolgen. Wir sind ganz glücklich, dass die Satellitenkommunikation so gut klappt, fühlen uns nicht alleine gelassen und irgendwie sicherer, weil doch etliche Augenpaare unseren Weg über SatPro mit verfolgen.

Nach dem Abendessen darf Peter sich hinlegen, während ich den Tagesabwasch mache und die Navigation von Tag auf Nacht umstelle. Um 23.00h wird er geweckt und ich darf in die Koje.

Bisher haben wir G.s.D. weder große, schreckliche Highlights, noch überaus tolle erlebt.

Erwähnenswert scheinen mir jedoch ein paar Begebenheiten.

Angel(miss)erfolge: 1.-4. April

Ab und zu plagt uns der Ehrgeiz des Anglers. Sieben Tage bereits auf dem Atlantik und nicht einmal war uns Petri Heil vergönnt.

Am 1. April ist es soweit: Ein drei Meter langer Segelfisch hat sich im Haken unseres Seemannsgarns verbissen. Wir müssen aus Leibeskräften kurbeln, um ihn an die PIA heranzuziehen. Bereitstehend mit Gaff und Alkohol, um ihm einen schnellen Tod zu bereiten, schauen wir in sein trauriges, tränendes Auge. Wir können nicht anders: wir schneiden ihn vom Haken, schenken ihm die Freiheit und entlassen ihn in den schönen Apriltag…

Und das Tollste an der Geschichte ist: Alle sind auf unseren Scherz hereingefallen, bis auf Philipp, der gleich eine Menge Seemannsgarn und eine kräftige Prise April-Luft witterte…

Unverdrossen starten wir vier weitere Angelversuche. Die freudige Erwartung, wenn es an der Angelleine kräftig ruckt und sie – bis zum Zerreißen gespannt – tickernd ausrauscht, dann, nach dem nächsten Ruck den Angelkopf – spannungslos – zurückschnellen lässt, um dann erneut rasend abzuspulen, wird beim Herankurbeln des vermeintlich fetten Bratens jedes Mal enttäuscht. Das niederschmetternde Fazit unserer Bemühungen: Zwei große, geangelte Tangbüschel, die aber wenigstens den Köder nicht abrissen, zwei abgebissene Köder, davon sogar einer mit Stahlvorlauf. Für den Gegenwert hätten wir im „Allende“ in Las Palmas vier delikate Fischteller bekommen, auf den Capverden sogar sieben.

Petri Pech! Vergebliche Liebesmühen…

Bergfest: 3./4. April

Der Karfreitag hat noch drei Minuten, um sich zu verabschieden. Auf dem GPS werden gleich die Koordinaten 14° 40’N und 43° 11’W erscheinen.

Nach 7 ½ Tagen haben wir exakt die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Es ist eine herrliche, sternenklare Vollmondnacht, in der wir uns eigentlich ein Schlückchen Sekt genehmigen könnten. Aber wir trauen uns nicht, da Alkohol die Aufmerksamkeit in der Nacht wohl herabsetzen würde. Wir verschieben das Zuprosten auf den nächsten Morgen.

Als ich morgens aus der Koje klettere, finde ich Peter bereits auf der rasenden Gartenbank, um die PIA von Hand zu steuern. Hohe Wellen und 7 Windstärken machen der automatischen Windsteuerung Probleme. Die PIA saust zwar wieder mit 15kn (in Surfs mehr) durchs Wasser aber der Kurs ist heikel und die PIA surft – der Welle folgend – in schwungvollen Bögen.

Noch vor dem Frühstück verkleinern wir die Segelfläche, um dann immer noch mit 7-9kn aber wesentlich ruhiger durchs Wasser zu gleiten. Der Sekt bleibt wieder einmal unangetastet im Kühlschrank.

Begegnungen: 4.April

Selten hört man von Atlantikseglern, dass sie bei der Überquerung einem Schiff begegnet seien. Wir hatten heute sogar zwei Begegnungen.

Die erste, ein Gefahrengutfrachter mit dem Namen „Delta Harmony“ kreuzt vor uns im Abstand von etwa 3sm.

Auf Kuschelkurs in endloser Weite???

Die zweite, ein quietschgelbes, französisches Stahlschiff, mit Familien-Besatzung (Eltern, zwei Kinder)schwankt zunächst weit vor uns in den Wellen. Mal scheint das Schiff bis zur Segelspitze im Wellental versinken zu wollen, mal sieht es so aus, als wolle der Wellenberg es auf seiner Spitze eine Zeitlang balancieren. Beim Überholen rufen und winken wir uns fröhlich einander zu.

Zu denken gibt uns allerdings, dass unser Radar dieses Stahlschiff nicht erkannt hat…

Ostersonntag: 5.April

Frühstück

Osterhasen mit vorzeitiger, starker Karibikbräune,

Ostereier in Camouflage,

Milkahäschen aus der Oberbergener Straße… und

Balanceakt mit Ei

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